Krieg wird schon langen nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld geführt, sondern in den Laboren von Biowissenschaftlern und Ingenieuren: Insekten sind die neuen Waffen ihrer Wahl.

Gekrümmt wie ein Embryo liegt der nackte Mann in seinem Bett, schwitzend und stöhnend. Er spuckt Blut, atmet schwer und langsam. Sein Körper ist überdeckt mit Mücken. Ein weiterer Mann betritt das Krankenzimmer, seine Haut geschützt mit Netzen, wie ein Imker. Er öffnet das Fenster, eine Mückenwolke strömt ins Freie und mit ihr die kostbare Fracht: Gelbfieber. Der Mann holt sein Handy heraus, streicht ein Moskito von der Tastatur und wählt die Nummer einer Nachrichtenagentur.

So oder so ähnlich könnte ein terroristischer Angriff mit Insekten vor sich gehen, glaubt der amerikanische Entomologe Jeffrey Lockwood: „Insekten sind eine der billigsten und gleichzeitig zerstörerischsten Waffen, die Terroristen derzeit zur Verfügung stehen.“ Sie lassen sich unbemerkt über die Grenze schmuggeln, pflanzen sich mit rasender Geschwindigkeit fort, können mit Leichtigkeit Krankheiten einschleusen und Ernten zerstören. „Die Terroristen, die das World Trade Center zum Einsturz brachten, waren nur mit Teppichmessern bewaffnet“, erklärt Lockwood. „Insekten sind die Teppichmesser der biologischen Kriegsführung: billig, simpel und entsetzlich effektiv.“

Geräuschlos, schleichend und zerstörerisch – so wird eine entomologische Attacke heutzutage vor sich gehen. Um aber den modernen Gebrauch von Insekten als Waffen verstehen zu können, müssen wir einen Blick in die Vergangenheit entomologischer Kriegsführung werfen. Insekten-Waffen sind keineswegs eine neue Erfindung. „Zusammen mit dem Feuer sind Insekten eine der frühesten Waffen der Menschheit“, erklärt Lockwood. Bevor es Pfeil und Bogen, bevor es Schießpulver gab, vertrauten wir auf die Waffen der Natur. Wir nutzten Bienenstöcke, um Feinde aus ihren Höhlen zu vertreiben oder gegnerische Schiffe zu attackieren. Die Einwohner der Stadt Hatra verteidigten sich Ende des 2. Jahrhunderts mithilfe bienengefüllter Tongefäße erfolgreich gegen die angreifenden Römer und König Löwenherz ließ während des 3. Kreuzzugs Bienenkörbe in das belagerte Akkon werfen.


Insekten aber vermögen nicht nur eine gesamte Armee in die Flucht zu schlagen, sie bergen das Potential für weitaus größeres Unheil: „Nur wenige Menschen wissen, dass Insekten den Lauf der Geschichte für immer verändert haben“, erklärt Lockwood. „Die Pest hat vermutlich nur deshalb in ganz Europa gewütet, weil die Mongolen flohinfizierte Leichen in die Hafenstadt Kaffa katapultierten.“ Von dort breitete sich die Seuche über den Meerweg in Kürze nach Europa aus. Zweidrittel der Bürger der Hafenstadt Hamburg starben - insgesamt 75 Millionen Europäer.

Diese tragischen Folgen waren für den Mongolenführer kaum vorhersehbar. Im zweiten Weltkrieg standen Insekten-Waffen dagegen ganz bewusst auf der Agenda der Streitkräfte, denn sie galten als effektives und billiges Massenvernichtungsmittel. Der japanische General Ishii Shiro war der Kopf hinter Japans berüchtigter „Einheit 731“. Ein unscheinbar-sachlicher Name für ein riesiges Versuchslager biologischer Waffen mit 150 Gebäuden, einschließlich Schulen, einem Schwimmbad und sogar einem Bordell. Der Hochsicherheitstrakt war umzäunt mit Stacheldraht, Hochspannungsleitungen und Wachtürmen. Unter dem Oberkommando Ishii Shiros arbeiteten 3000 Wissenschaftler unter Hochdruck an der Entwicklung biologischer Kampfmittel. „Zu Anfang missbrauchten sie Gefangene als lebende Brutkästen, um pestinfizierte Flöhe zu züchten, doch bald wurde Ishii Shiro klar, dass sie mit Menschen allein ihr Produktionsziel nie erreichen konnten“, erklärt Lockwood. Also züchteten sie infizierte Ratten und bezahlten Bauern aus der Umgebung für das Einfangen von Ratten. Ein vierstöckiger Kornspeicher wurde errichtet, um die riesige Nager-Kolonie zu beherbergen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Ishii Shiro mit seinen pest- und cholerainfizierten Insekten 440 000 Chinesen getötet.

Doch Japan war keineswegs der einzige Staat, der auf biologische Kampfmittel setzte. Dass Deutschland nicht ebenso intensiv wie Japan an biologischen Waffen forschte, lag vermutlich an Hitlers Phobie vor Bakterien, glaubt Lockwood: „Mehrere Tonnen an Pathogenen zu produzieren, wäre für Hitler außer Frage gestanden.“  Aber Hitler hatte scheinbar nicht die völlige Kontrolle über sein Militär. Unter Aufsicht Heinrich Himmlers gab es Versuche mit typhusinfizierten Läusen an Gefangenen in Natzweiler, Dachau und Buchenwald. Zudem arbeitete Deutschland genau wie die meisten anderen Großmächte an der Massenproduktion von Kartoffelkäfern, um die feindlichen Ernten zu zerstören. Im Sommer 1944 hatte Deutschland einen Vorrat an 30 Millionen Käfern.

Selbst noch während des Kalten Kriegs hielten sich standhaft Gerüchte hinsichtlich Kartoffelkäfer-Attacken. So behauptete etwa die DDR-Führung, dass die USA Kartoffelkäfer von Flugzeugen abgeworfen hätten, um die sozialistische Landwirtschaft zu sabotieren. Auf Plakaten warnte die DDR vor den so genannten „Amikäfern“ und beförderte die Sechsbeiner propagandawirksam zu „Saboteuren im amerikanischen Dienst“. Auch das kommunistische Kuba sah in den USA einen willkommenen Sündenbock und behauptete, dass die USA mit einem Flugzeug den Pflanzenschädling Thrips Palmi über ihren Feldern versprüht hätten, um die kubanische Wirtschaft in die Knie zu zwingen. 1997 gingen sie damit sogar vor ein UN-Gericht – doch ihre Klage wurde als haltlos zurückgewiesen. Allerdings forschte die USA durchaus auch nach dem II. Weltkrieg noch an biologischen Waffen. In Pine Bluff, einer kleinen baumwoll-produzierenden Stadt im Südosten Arkansas errichteten die US-Streitkräfte in den 1960ern die größte Insekten-Produktionsstätte der Welt mit einer Kapazität von 100 Millionen infizierten Moskitos pro Woche. Die geplanten Angriffsziele: Moskau, Stalingrad, Vladivostock, Basra, Kairo und Shanghai.

Nach der Biowaffenkonvention von 1972 ist die Entwicklung, Herstellung und Lagerung von Biowaffen offiziell verboten. 164 Staaten haben das Abkommen unterschrieben und sich seither mehr oder weniger daran gehalten.  Allerdings bedeutet dies nicht, dass wir vor einer Attacke gefeit sind. Am 30. November 1989 landete ein Erpresserschreiben auf dem Schreibtisch des Bürgermeister von Los Angeles. Umweltaktivisten, die sich selbst als „Breeders“ bezeichneten, drohten damit, den gefürchteten Pflanzenschädling, die Mittelmeerfruchtfliege, großflächig zu verbreiten, wenn die Regierung nicht mit dem Sprühen von Pestiziden aufhöre. „Zugegeben, ein entomologischer Angriff dieser Art hätte Amerikas Vorratslager nicht leergefegt, aber wir hätten es dennoch in unseren Geldbeuteln zu spüren bekommen“, warnt Lockwood. „Ein nationaler und internationaler Einfuhrstopp kalifornischer Früchte hätte zu einem Schaden von 13,4 Milliarden Dollar und dem Verlust von 132 000 Arbeitsplätzen geführt.“

Weitaus beunruhigender als nur eine Zerstörung von Ernten, sind aber die Krankheitserreger, die als blinde Passagiere mit den Insekten eingeschleust werden können: „Rifttalfieber ist ein exzellentes Beispiel für eine Krankheit, die sehr leicht in einzuführen wäre, aber verheerende Folgen hätte“, so der bei der US-Armee angestellte Entomologe Derek Monthei. Sobald Rifttalfieber beginnt, sich in einem Gebiet auszubreiten, sind in kürzester Zeit 20 bis 50 Prozent aller Menschen und Tiere infiziert. Tatsächlich ist es schwer zu wissen, ob das vermehrte Auftreten einer seltenen Krankheit auf einen Terroranschlag oder auf die Biowaffenforschung eines Staates zurückzuführen ist, oder ob es ganz natürliche Ursachen dafür gibt, behauptet Iris Hunger, Biochemikerin und Leiterin der Forschungsstelle Biowaffen am Zentrum für Naturwissenschaften und Friedensforschung der Universität Hamburg: „Das Problem ist ja, dass viele Erreger ohnehin in einem Land vorkommen. Ein Verstoß gegen das Biowaffenabkommen ist also nicht so leicht nachzuweisen wie die Produktion nuklearer Kampfstoffe.“

Hinzu kommt, dass die Zahl fremder Insekten und Viren schon allein wegen des verstärkten Warenverkehrs und Klimaveränderungen stetig zunimmt, erklärt Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Der Virologe hält eine terroristische Attacke mit Insekten aber eher für unwahrscheinlich, schließlich können Insekten vom Wind leicht davongetragen werden oder sie werden von Vögeln gefressen: „Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass Terroristen die Erreger direkt und ganz gezielt an Klimaanlagen ausbringen.“


Auch Hunger ist überzeugt, dass Insekten höchstens das Potential zur Massenpanik, nicht aber das zur Massenvernichtung besitzen: „Insekten als Biowaffen zu nutzen, ist sehr aufwendig. Das würde die Ressourcen und die Expertise der meisten Terroristengruppen überfordern.“ Der Virologe Geoffrey Letchworth ist sich da aber nicht so sicher: „Derartige Technologien sind zwar tatsächlich außerhalb der Reichweite von Terroristen, nicht aber der von Staaten“, so Letchworth. „Und jeder weiß, dass Expertenwissen letztlich käuflich ist.“

Von König Löwenherz bis zum japanischen General Ishii Shiro – Insekten waren seit jeher ein fester Bestandteil des menschlichen Waffenarsenals. Niemals hatten sie aber ein solch zerstörerisches Potential wie heute, seit Insekten und Viren mithilfe der Gentechnik zumindest theoretisch bereits zu Kampfmaschinen nach Maß modifiziert werden können: „Es gibt keinen Grund, warum nicht Moskitos entwickelt werden könnten, die den HIV-Virus übertragen“, entwirft Letchworth ein grausiges Zukunftsszenario. „Und um ganz sicher zu gehen, baut man einfach noch ein paar Gene ein, die die Moskitos resistent gegen Insektizide machen.“ Am effizientesten sei es natürlich, so Letchworth, Mikroben gleich so zu verändern, dass sie in das physiologische System von Insekten passen, die im feindlichen Land bereits heimisch sind. Natürlich ist es derzeit immer noch wahrscheinlicher, dass Terroristen erst einmal den einfachsten Weg wählen und auf bereits existierende Erreger zurückgreifen, aber mit einer Zunahme des Wissens steigt auch die Gefahr des Missbrauchs. „Die Zukunft liegt in der synthetischen Biologie: wir stehen hier erst am Anfang einer unglaublichen technologischen Entwicklung“, warnt Hunger.


Kasten: Robo-Krieger auf sechs Beinen

Der Spion der durchs Schlüsselloch passt, unbemerkt durch Fensterritzen und Klimaanlagen eindringt, existiert nicht mehr nur in der Phantasie von Science-Fiction-Autoren. Roboter-Insekten und Insekten-Cyborgs - Mischwesen aus Tier und Technik - haben schon längst internationale Labore erobert. Die Roboterfliege Robo-Fly der Universität Harvard wiegt gerade einmal 60 Milligramm und hat eine Flügelspannweite von nur drei Zentimetern. Das vom US-Verteidigungsministerium geförderte Projekt ist vielversprechend, denn aufgrund ihrer Winzigkeit und lebensnahen Bewegungsabläufe ist Robo-Fly der perfekte Flugspion: „Niemand würde in einem Zimmer eine Fliege bemerken, aber einen Vogel schon“, verdeutlicht der Versuchsleiter Wood die Bedeutung ihrer Forschung. Robo-Fly wurde nicht über Nacht geschaffen, denn Motoren, Gelenke oder Kugellager, die normalerweise in der Robotik benutzt werden, waren schlichtweg nutzlos. Schließlich entwickelten die Forscher ihre eigenen Materialien. Robofly besteht derzeit aus mikroskopisch dünnen Blättern aus Carbonfaser and einem elektroaktiven Polymer, die sorgfältig wie eine filigrane Origamiarbeit in Form gefaltet werden. Unter Strom gesetzt beginnen die Strukturen sich zu biegen und zu vibrieren und imitieren so den Flügelschlag einer Fliege exakt.

Kalifornische Forscher unter der Oberaufsicht der US-Militärforschungsagentur DARPA haben währenddessen einen ferngesteuerten Frankenstein-Käfer geschaffen: Implantierte Elektroden im Gehirn und in den Flugmuskeln stellen den Rhinozeros-Käfer ganz unter die Kontrolle seines Konstrukteurs. Per Funksignal startet und landet der Käfer oder biegt auf Wunsch nach rechts oder links ab. Das Projekt soll Erkundungsflüge im feindlichen Terrain durchführen oder verletzte Soldaten aufspüren. Auf einer winzigen Platine auf dem Rücken des Käfers sind eine Batterie, die normalerweise für Hörimplantate genutzt wird, ein handelsüblicher Funkempfänger und ein Mikroprozessor fixiert. Von dort laufen sechs Elektroden in die Flügelmuskeln und in den für optische Reize zuständigen Hirnbereich. DARPA tüftelt derzeit aber noch an einem neuen Spielzeug: Insekten, denen bereits als Larve, also während der Frühstadien der Metamorphose, technologische Komponenten eingeführt wurden, so dass sich das Insekt völlig mit dem technischen Mikrosystem verwächst. Dies wäre die Geburt von Cyborgs, die mit bloßem Auge nicht mehr von ihren natürlichen Verwandten zu unterscheiden sind. Der Siegeszug von Roboter-Insekten ist wohl nicht mehr aufzuhalten - die Zukunft hat bereits begonnen.

Krieg der Insekten

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