Psychopathen sind soziale Chamäleons. Sie passen sich perfekt an ihre Umgebung an und können so ihre Mitmenschen geschickt manipulieren. Sie lügen, sie morden und fühlen dabei keine Reue. Der Neuroforscher Kent Kiehl glaubt, dass in der Struktur ihres  Gehirn der Schlüssel für ihr inhumanes Verhalten liegen könnte.

Aus Mangel an Gefühlen - Gehirn & Geist

Kent Kiehl war noch ein Kind als der Psychopath Ted Bundy Schlagzeilen machte. Bundy war in der gleichen gutbürgerlichen Wohngegend in Tacoma aufgewachsen wie Kiehl. Und so war der Massenmörder Thema Nummer eins am Abendbrottisch. Schon damals fragte sich der junge Kiehl, was wohl einen Menschen zum Serienmörder macht. 30 Jahre später ist Kiehl der Lösung dieses Rätsels vielleicht näher als kaum jemand zuvor. Der 38-Jährige ist Professor für Neurowissenschaften an der University of New Mexico und Direktor des Mind Research Networks in Albuquerque. Psychopathen sind sein Spezialgebiet. Unterstützt bei seiner ambitionierten Suche nach dem Bösem im Menschen wird Kiel durch einen 2,3 Millionen Dollar teueren maßgefertigten mobilen MRI-Scanner und die Genehmigung des Gouverneurs von New Mexico, die Gehirne der Insassen von allen zwölf staatlichen Gefängnisse zu scannen. 15 Meter lang ist sein High-Tech-Wohnwagen, bis in die hinterste Ecke voll gepackt mit technischer Ausrüstung. Dominiert wird der Innenraum durch den riesigen Scanner, dessen magnetischer Zylinder wie ein hellblauer Donut vom Boden bis zur Decke reicht. Die Wände sind zugepflastert mit Flachbildschirmen. In einer Ecke befindet sich ein kleiner Warteraum, wo sich die Vollzugsbeamten mit ein paar Magazinen die Zeit vertreiben können. 1000 Gefangenengehirne sollen mit dem Scanner jedes Jahr unter die Lupe genommen werden. Kiehls Traum: eine Kur für Psychopathie. „Wenn wir die an Psychopathie beteiligten Gehirnregionen festlegen können, dann können wir vermutlich auch bald entsprechende Medikamente entwickeln.“


20 Prozent der Gefängnisinsassen gelten als Psychopathen, doch nicht alle von ihnen haben gemordet. Auch sind nicht alle Mörder Psychopathen. Tatsächlich ist der Großteil der Psychopathen nicht einmal gewalttätig. Eine Checkliste, Robert Hares Psychopathy Checklist PCL-R, legt fest, wer tatsächlich als Psychopath bezeichnet werden darf. „Mindestens 30 Punkte müssen auf einer 40-Punkte-Skala erreicht werden, dann ist ziemlich klar, dass wir es mit einem Psychopathen zu tun haben“, erklärt Kiehl. Doch auch Normalbürger haben psychopathische Züge und erzielen auf der Skala oft eine vier oder fünf. Die Insassen, die anhand der Skala als Psychopathen klassifiziert werden, sind nur selten erfreut über die Zuschreibung: „Seit man mich als Psychopathen eingestuft hat, sieht mich jeder gleich als Mörder an, doch das könnte ich nie sein“, beschwert sich einer der Insassen mit einem Psychopathie-Punktestand von 35. Er glaubt, dass die Bezeichnung nur ein trendiges Etikett ist, das vom Justizwesen missbraucht wird: „Der Richter schaut sich deinen PCL-R-Punktestand an und gibt dir zwei Jahre obendrauf auf dein Strafmaß, und dann noch mal zwei.“


Das beunruhigende ist, dass Psychopathen ohne den Test oft nur sehr schwer von der Normalbevölkerung unterschieden werden können – bis sie morden. Sie sind meist äußerst charmant und eloquent. Gleichzeitig haben sie jedoch ein starkes Durchsetzungsvermögen, sind geltungsbedürftig und leiden an einem übersteigerten Selbstwertgefühl. Carla Harenski, Kiehls Postdoktorandin interviewte einen Gefängnisinsassen mit der beachtlichen Punktezahl von 38,9. Er saß eine Strafe wegen Mordes an seiner Freundin ab - sie hatte ihn mit einem anderen Mann betrogen. „Während er mir den Mord und all das beschrieb, war er dabei so witzig und charmant, dass es mir oft schwer fiel, nicht zu kichern, selbst wenn er gerade etwas eigentlich sehr Schreckliches erzählte“, erinnert sich Harenski. Psychopathen sind geschickte Chamäleons und geschult darin, die Gefühle ihres Gegenübers zu manipulieren. Wenn Kiehl seine Studien entwirft, ist er deshalb auch vorsichtig. Zum Beispiel geben Psychopathen sehr gerne unehrliche Antworten. „Man darf ihnen einfach nicht die Gelegenheit dazu geben, einen an der Nase herumzuführen“, so Kiehl. Zum Beispiel zeigte sich in einer aktuellen Studie, dass Insassen, die auf Psychopathie diagnostiziert wurden, zweieinhalb Mal so häufig auf Bewährung entlassen werden als andere Straftäter, selbst wenn sie mehr Straftaten begangen haben. Es gelingt ihnen also, auch jene Menschen zu manipulieren, die es eigentlich besser wissen müssten.


Robert Hare, der geistige Vater der Psychopaty Checklist, glaubt, dass sich genau deshalb in Führungspositionen viele Psychopathen tummeln. Denn Eloquenz, Manipulationsvermögen, Durchsetzungskraft und eine gewisse Gefühlskälte werden hier geschätzt. 2007 schrieb er darüber einen internationalen Bestseller: „Snakes in Suits“. Was die Schlange im Anzug aber von einem respektierten Mitglied der Gesellschaft zum Mörder macht, ist immer noch unklar. Gemeinsam aber haben alle Psychopathen einen Mangel, ja geradezu eine Unfähigkeit zur Empathie. Morden wird so zum Spiel, natürliche Barrieren wie Mitleid und Angst fehlen weitgehend, Reue gibt es nicht. Die Neurowissenschaftlerin Harma Meffert von der niederländischen Universität Groningen glaubt, dass der Mangel an Empathie sogar einer der Schlüsselpunkte im Krankheitsbild eines Psychopathen darstellt. Sie geht bei ihrer Forschung davon aus, dass wir deshalb so gut verstehen, was andere Menschen fühlen, weil vergleichbare neuronale Schaltkreise aktiviert werden, beinahe so als würden wir diese Emotion selbst erleben. Deshalb fühlen wir uns auch schrecklich, wenn wir jemanden weinen oder verängstigt sehen. Anders beim Psychopathen, er scheint eine deutlich verringerte Aktivität im für die Empathie notwendigen Spiegelneuronensystem aufzuweisen: „Wir vermuten, dass der Psychopath zwar sehr gut die Emotionen anderer Menschen lesen kann, er kann diese Erkenntnis aber ohne weiteres von seinen eigenen Gefühlen abkoppeln“, so Meffert.


Kevin Wilson vom Institut für Forensische Psychologie an der kanadischen Dalhousie University ist überzeugt, dass Psychopathen die Gefühle anderer sogar noch besser lesen können als normale Menschen. Seine männlichen Probanden mussten während eines Experiments eine Reihe von Gesichtern und die dazugehörigen biographischen Daten erinnern. Versuchspersonen, die auf der Psychopathie-Skala einen hohen Punktestand erreicht hatten, waren nahezu perfekt darin, sich genau an jene Fotos zu erinnern, die besonders traurige und erfolglose Frauen gezeigt hatten. „Psychopathische Persönlichkeiten haben so etwas wie ein Jagdgedächtnis, das ihnen hilft, die besonders hilflosen und verletzlichen Opfer auszuspähen“, so der Studienautor. Ihre eigene Gefühlskälte hindert sie also keineswegs daran, die Gefühle anderer präzise zu analysieren und für ihre Zwecke zu manipulieren.


Uneinigkeit herrscht unter den Forschern jedoch darüber, was die genauen Ursachen von Psychopathie sind. Großangelegte Zwillingsstudien lassen eine genetische Komponente vermuten. Auch die Tatsache, dass Psychopathie vermehrt bei Männern auftritt, könnte in diese Richtung weisen. Es wird von einigen Forschern vermutet, dass sogar ein Prozent der männlichen Bevölkerung als Psychopathen bezeichnet werden können. Doch Umwelteinflüsse spielen mit Sicherheit eine ebenso wichtige Rolle: so stammen Psychopathen häufiger aus Familien, die ihre Kinder vernachlässigen und wenig Liebe zeigen. Doch ist dies keineswegs die Regel. Bundy etwa betonte immer wieder, dass er in einem sehr liebevollen Haushalt aufgewachsen sei, in dem christliche Werte groß geschrieben wurden. Allerdings erfuhr er erst als junger Mann durch seine eigenen Nachforschungen, dass seine Schwester in Wahrheit seine Mutter war, was ihn verständlicherweise sehr verstörte. Da Bundys junge Mutter bei seiner Geburt nicht verheiratet gewesen war, hatten die Großeltern Ted Bundy kurzerhand als ihr eigenes Kind ausgegeben, um so die ‚Schande’ eines unehelichen Kindes geheim zu halten.


Schaut man sich das Gehirn eines Psychopathen an, gibt es einige sehr offensichtliche Unterschiede. MRI-Studien weisen durchweg auf Probleme in der Amygdala hin. Die Amygdala ist bei Psychopathen durchschnittlich um etwa 20 Prozent kleiner. Dies könnte zumindest ansatzweise erklären, warum Psychopathen so furchtlos sind und kein Mitgefühl für andere Menschen zeigen. Doch die Amygdala ist nicht nur an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt, sondern sie gilt auch als Frühwarnsystem, das dafür sorgt, dass wir unerwünschtes Verhalten vermeiden. Zusätzlich scheinen Regionen, die für die Aufmerksamkeitssteuerung zuständig sind, bei der Psychopathie eine wichtige Rolle zu spielen: Wenn ein Psychopath einmal seine Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet hat, lässt es ihn nicht mehr los - genau wie ein Kampfhund, der einmal zugebissen hat. Kiehl glaubt sogar, dass bei Psychopathen das gesamte paralimbische System im Temporal- und Frontallappen aus dem Ruder geraten ist, denn hier laufen Emotionen, Aufmerksamkeit und Entscheidungsfindung zusammen. Studien bestätigen bei Psychopathen eine deutliche Reduzierung des Volumens der grauen Substanz in genau diesen Regionen. Schädigungen im ventromedialen präfrontalen Cortex etwa führen zu Problemen bei der Impulskontrolle, beim Treffen von Entscheidungen und zu einer Unfähigkeit, adäquat auf Bestrafungen zu reagieren. Psychopathen sind daher völlig unbeeindruckt von sozialen Regeln und den negativen Konsequenzen ihrer Tat.


In einer ihrer ersten Studien mit dem mobilen Scanner fanden Kiehl und seine Kollegin Harenski zudem heraus, dass bei Psychopathen im Temporallappen insbesondere der superiore temporale Sulcus (STS) betroffen ist, eine für unser Moralempfinden sehr wichtige Region. Während der Studie präsentierten die beiden Neurowissenschaftler den männlichen Gefangenen eine Reihe erschreckender Bilder, die das Moralgefühl der Straftäter herauskitzeln sollten. Eines der Fotos zeigte einen Mann, der einer verängstigten jungen Frau ein Messer an den Hals hält. Jene Insassen, die derartige Bilder nur als wenig moralisch verwerflich ansahen, hatten eine deutlich herabgesetzte Aktivität im STS. Weitere Studien zeigen bei den Gehirnen von Psychopathen eine strukturelle Asymmetrie im Hippocampus und einen verkleinerten posterioren Hippocampus. Der Hippocampus gilt als eine zentrale Schaltstation im limbischen System und ist somit maßgeblich an der Emotionsverarbeitung beteiligt. Der posteriore Hippocampus ist insbesondere für das Abrufen von Erinnerungen entscheidend und spielt somit auch für das Lernen aus vergangenen Erfahrungen eine wichtige Rolle.


Doch obwohl es nachweislich deutliche Unterschiede zwischen dem Gehirn eines Psychopathen und dem eines Normalbürgers zu geben scheint, dürfen Psychopathen keineswegs als eine homogene Gruppe angesehen werden. Die Unterschiede innerhalb der Gruppe der Psychopathen sind beachtlich. Natürlich sieht auch Kiehl seine Bemühungen nicht unkritisch, er weiß, dass sich die bunten Bilder aus dem Scanner nicht einfach so in Verhalten und Gedanken übersetzen lassen, doch er bleibt trotzdem zuversichtlich: „Wenn wir mit unseren Studien nur fünf Prozent der Psychopathen heilen könnten, das wäre für uns schon wie ein Nobelpreis.“


Allerdings steckt die Psychopathie-Forschung immer noch in den Kinderschuhen. Kiehl glaubt, dass es dafür eine einfache Erklärung gibt: „Das Problem ist, dass wir Psychopathen als Täter ansehen, nie als Opfer. Wir fühlen für sie kein Mitleid, sondern wollen sie nur wegschließen. Kaum jemand will dafür Geld ausgeben.“ Für die Schizophrenie-Forschung allein stehen hundert Mal mehr Forschungsgelder zur Verfügung. Kiehl bedauert dies, denn er glaubt, dass Psychopathie nicht in jedem Fall unbehandelbar ist, gerade, wenn man das Problem frühzeitig erkennt. Zum Beispiel konnte bereits gezeigt werden, dass jugendliche Straftäter mit hohen Psychopathie-Werten halb so häufig wieder straffällig werden, wenn sie psychologische Behandlung wie kognitive Verhaltenstherapie oder Familienberatung bekommen. Ted Bundy erhielt als junger Mann diese Möglichkeit zur Therapie nicht. Er wurde am 24. Januar 1989 in Florida auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

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